© Siegesmund  Berkner


Aus Geschichte des Dorfes Rufen
Leseprobe



Zur Lage und Geographie des Dorfes Rufen

An dem Verbindungsweg zwischen den beiden Städten Königsberg und Soldin, die sich im Laufe der Zeit zu bescheidenen Handelszentren und Verwaltungsmittelpunkten entwickelten und dann Kreisstädte wurden, dort, wo ein weiterer Weg nach Norden in Richtung Stettin abzweigte und somit eine Verbindung zur Ostsee herstellte, wurde eine dörfliche Siedlung angelegt, das Dorf Rufen. Die Lage des Dorfes Rufen ist etwa mit 14°44´östlicher Länge und 52°59´nördlicher Breite bestimmt.


Straßenbauarbeiten in Rufen in der 1.Hälfte der 30er Jahre

Der Ort liegt in einer Landschaft, die – wie in großen Teilen Norddeutschlands – von der Eiszeit geologisch und oberflächlich gestaltet wurde. Die beiden letzten eiszeitlichen Perioden haben nördlich und südlich des Dorfes in jeweils etwa 15 – 20 km Entfernung Endmoränen in Form unregelmäßiger kuppiger Hügelzüge aufgestaucht und aufgehäuft, die sich in Bögen von West nach Ost hinziehen.  ...

Die sanft gewellte Grundmoränenlandschaft ermöglichte eine weitgehend geradlinige verkehrsmäßige Anbindung an die Nachbarorte und die städtischen Zentren. In südöstliche Richtung führte der Weg, die spätere Reichsstraße 113, nach Soldin und dann weiter über Landsberg in das Sternberger Land und nach Niederschlesien. In nördlicher Richtung stellte diese Straße über Bahn und Greifenhagen die Verbindung zur pommerschen Haupt- und Hafenstadt Stettin her. In Rufen zweigte von der Reichsstraße 113 nach Westen die Straße über Bad Schönfließ nach Königsberg ab, die dann bei Zehden die Oder überquerte und über Bad Freienwalde die Anbindung an die Reichshauptstadt Berlin besorgte. Dieser Straßenzug, die Reichsstraße 158, war nordwärts 15km mit der Reichsstraße 113 identisch, bevor sie in Bahn nach Pyritz abzweigte und über Stargard weiter in das östliche Hinterpommern führte. Die Lage des Dorfes unmittelbar an Hauptverkehrsstraßen war für die Bewohner bedeutsam und vorteilhaft. Da im III. Reich diese Straßenzüge militärstrategische Bedeutung hatten, wurden beide Reichsstraßen einschließlich der Dorfstraße modern ausgebaut. Dem Aussehen des Dorfes kam das sehr zugute.  ...

Nach dem Ausbau der Straßen konnte man ohne große Mühe z.B. mit dem Fahrrad nach  Soldin oder Bad Schönfließ fahren. Ältere Leute fuhren eher mit dem Postomnibus, der täglich zwischen Soldin und Königsberg verkehrte. Im übrigen war der Straßenverkehr nicht annähernd mit dem von heute zu vergleichen. Im ganzen Dorf gab es nur zwei PKW und zwei Trecker. Deshalb war es für die Menschen sehr bedeutsam, dass man von und nach Rufen auch mit der Bahn fahren konnte. Der Ort lag an der 1899 eingerichteten Bahnlinie Jädickendorf – Pyritz, und der Bahnhof befand sich nahe dem östlichen Dorfrand.  ...

Wie bei der Straßenführung öffnete sich für den Bahnreisenden über Pyritz und Stargard der Weg nach Hinterpommern. Von Jädickendorf, das zu einem nicht unbedeutenden Eisenbahnknoten ausgebaut worden war, konnte man über Königsberg nach Stettin fahren und in der entgegengesetzten Richtung Küstrin mit Anschluss an die Ostbahn sowie Frankfurt/Oder und schließlich Schlesien erreichen. Und letztlich führte eine weitere Linie von Jädickendorf über Wriezen nach Berlin. Der Bahnanschluss war insbesondere für die Bauern des Dorfes vorteilhaft. Hier wurden ohne lange Anfahrtswege landwirtschaftliche Produkte, vor allem Kartoffeln verladen, und ebenso günstig gestaltete sich die Anlieferung z.B. von Düngemitteln, Briketts u.ä. Dem Bahnhof gegenüber auf der anderen Straßenseite hatte die Hauptgenossenschaft Kurmark einen Speicher für den Umschlag von Getreide und Futtermitteln errichtet. Speicher und Bahnanschluss in Rufen wurden auch von den Bauern und dem Gut im benachbarten Dobberphul genutzt. Und da die Bahnlinie in Richtung Jädickendorf auch das Städtchen Bad Schönfließ tangierte, fuhr man mit der Bahn dorthin, um Einkäufe zu erledigen oder den Arzt, den Zahnarzt bzw. die Apotheke aufzusuchen. Dagegen war ein Besuch der Kreisstadt Soldin per Bahn nur auf dem Umweg über Pyritz möglich und wurde so kaum praktiziert. Auf die Bahn angewiesen waren aber wiederum die Schüler, die in Bad Schönfließ die Mittelschule oder in Pyritz das Gymnasium besuchten.

Es ist sicher nicht unbegründet, wenn man davon ausgeht, dass das Zusammentreffen wichtiger Verkehrswege in der flachen Grundmoränenlandschaft die Anlage des Dorfes an der vorher beschriebenen Wegegabelung befördert hat, zumal andere bedeutsame Standortvorteile nicht zu erkennen sind. In diesem Zusammenhang ist noch ein früher wichtiger Verbindungsweg zu erwähnen, über den vornehmlich alte Leute zu berichten wussten. Es ist der „Lothweg“, der auf der 1-cm-Karte von 1934 noch nachgewiesen ist. Danach beginnt er westlich von Bad Schönfließ bei Steinwehr und führt in großem Bogen an Rufen vorbei in den pommerschen Raum. Dabei ist er in einem Abschnitt identisch mit der Rufener Gemarkungsgrenze. Nach mündlicher Überlieferung ist der Lothweg in zurückliegenden Zeiten aber nicht nur Grenzweg sondern wichtiger Fahr- und Handelsweg, möglicherweise auch abkürzender Post- und Kurierweg, gewesen. Und so ist wohl zu erklären, dass sich der Name bis in die Neuzeit erhalten hat, obwohl die frühere Bedeutung des Weges nicht mehr gegeben ist.